Über das Adlernest


Es ist schon lange, lange her, es ereignete sich zu den Zeiten, als unser Land noch von Urwald, Sumpf und Moor bedeckt war. Es ereignete sich zu den Zeiten, als die Stille nur durch den Vogelgesang, Geräusch der Flügel und der Bäche und den Wind im Walde unterbrochen wurde. Es kam einmal ein Tag, als die Stille von einem Heer bewaffneter Soldaten auf Pferden gestört wurde. Sie waren alle in Leder der wilden Tiere gekleidet, mit Bogen und Speeren bewaffnet und zur Verteidigung hatten sie Schilder aus Büffelleder. Es gab ungezählte Scharen dieser Krieger. Hinter denen fuhren Frauen, Alte und Kinder auf Wagen. Weiter kamen Wagen mit Essen, Haushaltssachen, noch weiter Pferde, Milchkühe und Schafherde. Von beiden Seiten des Zuges sorgten Bogenschützen und Speerwerfer um die Ruhe.

Man konnte erkennen, dass sie schon mehrere Monate unterwegs waren, dass sie sich den Weg durch den Urwald mit Beilen bahnten, dass sie die Flüsse quer schwammen. Das waren brüderliche Slawenstämme, die ihre Länder verließen und auf die Suche nach neuem fruchtbarem Acker gingen. Man konnte auf ihren Gesichtern die Spuren der langen und mühsamen Wanderung erkennen. Sie waren von den strengen Wintern gefroren, von den Frühlinsregen gespült, von der Junisonne gebrannt.

An der Spitze des Zuges fuhren drei Stammherrscher: Lech, Czech und Rus. Sie waren Söhne von einer Mutter geboren, aber jeder war anders, so in dem Aussehen, wie im Charakter. Lech war wohlgestaltet, hellhaarig, aufrichtig und heiter, Czech war schlau und geschäftig, Rus war schweigsam, so dass man ein Wort bei ihm hätte kaufen müssen. Nachmittags überquerten sie einen kleinen Fluss, steigerten auf einen Hügel und der Urwald wurde dünner. Vor ihren Augen entfaltete sich ein schönes, ausgedehntes, mit kleinen Seen gekennzeichneten Flachland. Lech hielt sein Pferd ein. Ihn hat das Land beeindruckt, wo der Urwald von Seen befleckt war, aus denen kleine Hügel wie gewachsen herausragten. Auf einem der Hügel stand eine Rieseneiche, die ihre Äste wie Arme breit offen hielt. Zwischen den Blättern sahen die erstaunten Brüder ein riesiges Nest und in der Mitte des Nestes - einen silbern gefiederten Vogel, der gerade seine Flügel streckte und fortfliegen wollte, über die Baumspitzen. Die Sonne ging unter und malte die Spitzen purpurn. Rus fasste sofort seinen Bogen und näherte sich rasch mit seinem Pferd, aber Lech rief: "Halt eure Pferde, meine liebe Brüder! Dass ist ein offenbares Zeichen! Hier werde ich ein Nest für meinen Stamm bereiten, wie der Vogel das gemacht hat. Meine Burg wird ihren Namen von dem Adlernest nehmen (gniazdo) und wird von allen Gniezdno genannt. Mein Volk wird für sein Zeichen diesen weißen Adler nehmen, und da ich ihn im roten Himmel des Sonnenuntergangs gesehen habe, werden die Fahnen meiner Soldaten für immer schon rot-weiß. Die Brüder schauten einander an, Rus wurde nachdenklich, Czech - mürrisch. Letztendlich sagte Rus: "Das Land ist in der Tat schön, aber wir sind zu viele, es kann uns alle nicht ernähren. Lass uns verabschieden, meine Brüder. Ich gehe nach Osten, und suche weiter ein Land für mein Volk. "Dann gehe ich auch - erwiderte Czech - ein Land für mein Volk suchen. Ade, Brüder, ich gehe nach Süden." Am nächsten Tag fuhren die Brüder los

Der Urwald wurde lebendig unter den Beilen, die die mächtigen Eichen, schlanken Kiefern und harten Buchen für den Bau der Burg fällten. Bevor der Herbst den Wald vergoldete, stand die Fürstenburg auf dem Hügel, der bis heute als Lech-Hügel genannt wird.